Wie sag ich's meinem
Mitarbeiter?
Die Fluktuation in Herrn Mustermanns
Abteilung ist doppelt so hoch wie der
Firmendurchschnitt. Entsprechend niedrig
ist die Performance der Abteilung.
Im Gespräch mit seinem Vorgesetzten findet
Herr Mustermann keine rationale Erklärung
dafür. Er schiebt das Problem vielmehr
auf die schlechte Qualität der Mitarbeiter,
die man für "so einen langweiligen Bereich
wie die Buchhaltung" bekommt. Bevor Herr
Mustermann diese Abteilung übernommen
hat, waren seine Leistungen gut. Die neue
Aufgabe scheint ihn zu überfordern. Sein
Vorgesetzter trifft deshalb in Abstimmung
mit der Personalabteilung die Entscheidung,
Herrn Mustermann ein Coaching anzubieten.
So oder ähnlich sieht oft die Vorgeschichte
eines Coachings aus. Die nun folgende
Phase ist entscheidend für den Erfolg
der Maßnahme: Die Information des Mitarbeiters
über das Angebot. Ob Herr Mustermann das
Coaching für sich als Chance zur Weiterentwicklung
begreift, als Zwangsmaßnahme mit Gehirnwäschecharakter,
als "Psycho-Kram" oder gar als reine Drohung,
das hängt davon ab, wie ihm das Angebot
unterbreitet wird.
Wer überbringt die Nachricht?
Wer am besten mit dem Mitarbeiter über
das Angebot spricht, hängt von der Zielsetzung
ab. Bei Problemen zwischen Vorgesetztem
und Mitarbeiter ist der Vorgesetzte nicht
unbedingt der ideale Gesprächspartner.
Hier sollte die Personalabteilung als
"neutrale Instanz" einspringen.
Ist das Verhältnis zwischen Vorgesetztem
und Mitarbeiter gut, muss der Vorgesetzte
das Gespräch führen. Bei offenen Fragen
kann ein weiteres Gespräch entweder mit
der Personalentwicklung oder zu dritt
angeboten werden. Ungünstig dagegen ist
das "Tribunal-Setting": Personaler und
Vorgesetzter sitzen bereits im ersten
Gespräch mit dem Mitarbeiter zusammen.
Schon im Vorfeld eines solchen Gesprächs
regiert beim Mitarbeiter in erster Linie
Angst.
Angebot oder verbindliche
Maßnahme?
Wenn man sich für ein Coaching als geeignete
Maßnahme zur Weiterentwicklung entschieden
hat, dann möchte man auch, dass der Mitarbeiter
oder die Mitarbeiterin dieser Entscheidung
folgt. Manchmal sieht der Mitarbeiter
zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, dass
ein Coaching ihn weiterbringen kann.
Eine Mitteilung á la "ab nächste Woche
haben Sie einen Coach, basta" wird eher
Widerstände auslösen, als eine kooperative
Haltung. Deshalb ist Fingerspitzengefühl
und auch ein wenig Verkaufstalent gefragt.
Wenn Herr Mustermann überhaupt nicht einsieht,
dass seine Leistungen verbesserungswürdig
sind, sollte man nicht auf diesem Fakt
herumreiten.
Ziel ist es, bei Herrn Mustermann Bereitschaft
für das Coaching zu wecken. Einstiege
wie "Sie kommunizieren nicht gut genug,
wir haben für Sie einen Coach bestellt,
der das mit Ihnen übt", torpedieren schon
im Vorfeld den Erfolg eines Coachings.
Besser wäre zum Beispiel: "Es läuft zur
Zeit nicht optimal in Ihrer Abteilung.
Wo sehen Sie denn bei sich selbst Möglichkeiten,
das zu verbessern?" Oder: "Wenn gute Mitarbeiter
Probleme haben, bieten wir ihnen ein Coaching
an. Was wissen Sie denn schon über Coaching?"
Wichtig ist, zu Beginn des Gesprächs
nicht um den heißen Brei herumzureden.
Je umständlicher man auf den Punkt kommt,
desto schlimmer ist das, was der Mitarbeiter
erwartet und desto mehr geht er in Verteidigungshaltung.
Wahlfreiheit und Vertraulichkeit
Der Mitarbeiter sollte auf jeden Fall
die Möglichkeit haben, selbst aus mindestens
zwei Coaches auszuwählen. Zum einen sollte
er die Möglichkeit haben, einen Coach
abzulehnen, wenn die Chemie nicht stimmt.
Zum anderen übernimmt er mit der Entscheidung
für einen Coach schon ein Stück Verantwortung
für den Erfolg des Coachings.
Von Anfang an muss dem Mitarbeiter deutlich
gemacht werden, dass alles, was zwischen
ihm und dem Coach besprochen wird, streng
vertraulich ist, es also in keiner Form
"Berichterstattung" über Inhalte der Sitzungen
vom Coach an den Vorgesetzten oder die
Personalabteilung gibt. Gespräche über
den Erfolg des Coachings sollten mit dem
Mitarbeiter, nicht mit dem Coach geführt
werden.
Und wenn der Mitarbeiter
partout nicht will?
Nicht nur vom Mitarbeiter sollte man
erwarten, dass er Verantwortung übernimmt.
Wenn unser Herr Mustermann sich einem
Coaching strikt verweigert, sollten sich
Vorgesetzter und Personaler also durchaus
fragen, ob sie selbst etwas besser machen
können, um Herrn Mustermann zu überzeugen.
Vielleicht möchte Herr Mustermann auch
lieber wieder zurück in eine mehr fachlich
orientierte Position und das Coaching
würde völlig an seinen persönlichen Zielen
vorbeigehen?
Verweigert sich ein Mitarbeiter aber
generell Angeboten zu seiner Weiterentwicklung,
muss man ihm klar kommunizieren, dass
Weiterentwicklung und Weiterkommen in
einem engen Zusammenhang stehen und dass
die Bereitschaft zu lernen heute Voraussetzung
ist, beruflich zu bestehen.