"Dauer-Coaching"
Üblicherweise hat Coaching ein fest
definiertes Ziel, dessen Erreichung gemessen
werden kann. Nach Erreichung des Ziels
ist der Coaching-Prozess beendet. Das
kann bereits nach drei Sitzungen sein,
oder auch erst nach zehn. Länger
dauert Coaching nur sehr selten. Es gibt
aber Ausnahmen, und die werden immer häufiger:
Der Coach als
Sparrings-Partner
Gerade im Top-Management oder bei Unternehmern
ist ehrliches, neutrales Feedback ein
knappes Gut. Die Betroffenen fragen sich:
Wem kann ich Probleme anvertrauen,
ohne dadurch angreifbar zu werden? Wer
sagt mir ganz offen und ehrlich, wie ich
auf Kollegen und Mitarbeiter wirke? Wer
wäscht mir auch einmal den Kopf,
wenn ich mich unangemessen verhalten habe?
Mit wem kann ich in Gedankenspielen auch
einmal unkonventionelle Ideen durchdenken,
ohne mich zu blamieren?
Ein Coach kann diese Rolle ausfüllen
unter bestimmten Voraussetzungen.
Zum einen sollte beiden, also Klient und
Coach klar sein, was sie gerade tun: Befinden
sich beide im klassischen
Coaching-Prozess, arbeiten sie also gezielt
an der Lösung eines Problems oder
an am Verhalten des Klienten? Oder sind
beide Seiten übereingekommen, dass
der Klient den Coach als Sparrings-Partner
begleitet? Wenn beide Seiten ohne klare
Vereinbarung von einer Phase in die andere
rutschen, besteht die Gefahr, unterschiedliche
Ziele zu verfolgen. Der Coach versucht,
durch gezieltes Intervenieren dem Klienten
neue Sichtweisen bezüglich bestimmter
Verhaltensweisen zu ermöglichen,
während der Klient vielleicht gerade
eine neutrale Einschätzung seiner
Performance bei einem wichtigen Meeting
vom Vortag will. Das frustriert Klient
und Coach, denn keiner von beiden kommt
wirklich weiter. Wenn das Ziel aber klar
ist, dann kann der Coach den Wert bringen,
für den er bezahlt wird.
Eine weitere Voraussetzung ist der Mut,
in bestimmten Zeitabständen zu fragen,
ob der Klient tatsächlich noch von
den Sitzungen profitiert. Profitieren
kann bei dieser Form des Coaching heißen:
Ich nehme immer wieder gute Ideen
aus den Sitzungen mit, die mir beruflich
weiterhelfen, oder auch es
tut mir gut, mir bestimmte Dinge von der
Seele reden zu können, ich kann mich
dadurch besser auf Wesentliches konzentrieren.
Coaching und Mentoring
Profitieren kann aber auch, wer (noch)
nicht im Top-Management angesiedelt ist.
Wo im Unternehmen kein Mentor zur Verfügung
steht, also niemand mit Berufs- und Führungserfahrung,
der in schwierigen Situationen Rat gibt,
kann ein Coach diese Rolle zumindest teilweise
ausfüllen. Der Coach wird nicht helfen
können, wo es um unternehmensinterne
Informationen oder Kontakte im Unternehmen
geht. Aber er kann Führungswissen
vermitteln und eine Karriere hinterfragend
und reflektierend begleiten. Auch dabei
ist wichtig, dass von Anfang an klar ist:
Hier geht es nicht um klassisches Coaching,
sondern um eine zeitlich nicht begrenzte,
stärker fachlich orientierte Begleitung.
Voraussetzung ist dabei natürlich,
dass der Coach über umfassende eigene
Führungserfahrung verfügt. Diese
Form von Coaching sollte den Klienten
auch dabei unterstützen, einen echten
Mentor in seinem beruflichen Umfeld zu
finden.
Fazit:
Eine länger andauernde Begleitung
durch einen Coach kann in bestimmten Situationen
Sinn machen. Voraussetzungen sind Klarheit
über die Ziele, eigene Führungserfahrung
des Coaches und, wie in jedem Coaching-Prozess,
ein belastbares Vertrauensverhältnis
zwischen Klient und Coach.